Rottweiler Zeitung, 22.11.99
Schwarzwälder Bote, 19.11.99
Von Rafael Rennicke
Rottweil. Es ist eine sehr stimmige Melange, die sich am Freitag abend in der Alten Rottweiler Paketpost auftut. Ungeachtet der fröstelnd-kalten, schneebedeckten November-Nacht, verschmelzen hier, in der Jazzbude Höllgasse 3, Klänge, Stimmen und Stimmungen zu einer wohltuenden Symbiose, die vor allem durch eines besticht: Wärme.
Einmal mehr hielt der Jazz glorreichen Einzug in Rottweils Alter Paketpost, einmal mehr mit wahrhaft klang-vollen Namen: Wolfgang Lackerschmid, der viel gefragte, vielgerühmte und nimmermüde Percussion-Jazzer, hatte nicht nur sein Vibraphon mit im Rottweil-Gepäck, sondern auch - welch Glücksgriff! - das New Yorker Lynne-Arriale-Trio, bestehend aus Steve Davis an den Drums, Mike Scharfe am Bass und der - last but not least - nicht minder gerühmten Lynne Arriale am Flügel.
Will man das Besondere dieses Abends begreifen, will man dem wirklich Außergewöhnlichen der Musik, der Musiker auf den Grund gehen, sollte man nicht zu
lange an der Oberfläche bleiben. Auch wenn einem dieses Unterfangen anfangs noch recht schwer erscheinen mag. Denn allein schon hier, auf der imaginären Oberfläche, auf den Tasten und Platten, auf den Saiten und Schlagzeugfellen, spielen, changieren und jonglieren Lackerschmid und das Arriale-Trio mit so viel Gefühl und Genuss, mit Augenzwinkereien und höchster Sensibilität, die es wert sind, vom schnell begeisterten Publikum angenommen, aufgenommen und aufgefangen zu werden. Lynne Arriales rot-tanzender Wuschel-Lockenkopf, Lackerschmids genussvolles Platznehmen, wenn die Vibraphonschlägel einmal stille stehen, Mike Scharfs zupfend-zirpende Finger am grünen Bass, Steve Davis sympathisches Dauerlächeln - all das wirkt mit, klingt, singt und swingt mit, wenn die vier zusammen jazzen.
Das eigentlich Besondere aber muss man im Ursprung suchen, in den Tönen und Klängen, die auf dem Notenblatt zwar schon sauber geschrieben stehen, aber dennoch den tiefen Eindruck aufkommen lassen, dass sie von ganz woanders herkommen: Aus dem Moment heraus - von innen.
Wie sonst könnte man sich so träumerisch-verträumte Spiegelflächen erklären, die funkeln und blitzen, sanft und zurückhaltend, singend und klingend? Alles Impulsive, Feurige, Emotionsgeladene, das man an diesem Abend freilich auch hört, scheint seine Quellen genau hier liegen zu haben, hier, in diesem sphärisch anmutenden, ganz und gar entrückten, liebevollen »Waltz for Berlin« von Wolfgang Lackerschmid und einer Miniatur Lynne Arriales, in der über einem ruhig-bewegten Klavier-Ostinato berauschend-weit-weg-fliegende Klänge auftauchen.
Klavier und Vibraphon erlebt, sieht und hört man in süffigem Wechselgesang, immer wieder weite Spannungsfelder aufbauend, zarte Töne, die verschwimmen, abtauchen, auftauchen. Nichts stört in dieser Musik - das ist Harmonie pur, in der jeder Musiker, jedes Instrument zu seinem - welch schönen! - Recht kommt, Klangzauber zu streuen in die immer weiter und weiter strömende, aufblühende Blüte, die irgendwann, irgendwann sacht, so, wie sie gekommen war, und in reinem, reinsten Dur, zum sanften Stillstand kommt. Und in den Herzen des Publikums, draußen in der kalten November-Nacht, weiterschwingt, wärmt.